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Kernkraft – ist sie das Risiko wert?

Geschrieben von kokedera - 28. März 2011

Bei einer Risikoabwägung gilt es, mehrere Fragen zu beantworten:
1. Wie groß ist das Risiko?
2. Wie groß ist die Eintrittswahrscheinlichkeit?
3. Kann ich mir das Risiko leisten/ist es den Nutzen wert, wenn es eintritt?

Anhand dieser “Checkliste” trifft jeder Mensch täglich Hunderte von risikorelevanten Entscheidungen. Z.B. beim Autofahren:

1. Beispiel: Falschparken.

- Das Risiko beträgt 5 Euro.

- Das Risiko, dabei erwischt zu werden, ist relativ hoch.

- 5 Euro kann ich mir locker leisten; ich muss aber 100 Meter weniger durch den Regen laufen.

Entscheidung: Ich parke auch schon mal falsch.

2. Beispiel: Überholen vor einer Kuppe auf einer kaum befahrenen Landstraße.

- Das Risiko ist extrem hoch: Verlust von Leben.

- Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist extrem gering: drei Autos pro Stunde.

- Das Risiko zu sterben, kann ich mir nicht leisten; es steht auch nicht für den Nutzen eines Zeitgewinnes von wenigen Sekunden.

Entscheidung: ich überhole nicht.

So, jetzt kann sich jeder diese drei Fragen für sich selbst in Bezug auf die Kernkraft beantworten. Ich habe dies getan und meine Entscheidung lautet: Sie ist das Risiko nicht wert, das man eingehen muss.

- Das Risiko besteht darin, dass Tausende von Menschen sterben, und zwar auch Jahrzehnte später an den Strahlungsvergiftungen.

- Das Risiko besteht darin, dass Tausende von Quadratkilometern auf Jahrzehnte (Jahrhunderte?) unbewohnbar und verseucht werden.

- Das Risiko besteht darin, dass ganze Volkswirtschaften vernichtet werden – und zwar nicht nur in Entwicklungsländern.

- Das Risiko ist innerhalb von nur 40 Jahren 3-mal eingetreten – und Hunderte, wenn nicht Tausende Male fast (wie beim Überholen: uiuiui, gerade noch Glück gehabt).

Der Nutzen besteht in der Versorgung mit CO2-freier (?) Energie. Fragezeichen deshalb, weil die Herstellung von Uran auch CO2 freisetzt. Sie ist weder sicher noch billig (Entsorgung, Stilllegung abgeschalteter Reaktoren, Forschungsgelder).

Es gibt Risiken, die existieren und sind nicht selbst gemacht, z.B. der berüchtigte Meteorit oder auch das Erdbeben. Da kann man das Risiko nicht ausschalten, man produziert es aber auch nicht. Man kann nur die Folgen verringern. Was man ja auch tut.

Ich will das an Hand des Ziegelsteines formulieren, der mir morgens auf den Kopf fallen kann, wenn ich vor die Tür trete: EINE Konsequenz kann sein, dass ich im Bett liegen bleibe (was Blödsinn ist).

Eine andere Konsequenz kann sein, dass ich sage: Okay, mir kann ein Ziegelstein auf den Kopf fallen, dann ist es ja auch wurscht, ob ich vor unübersichtlichen Kurven überhole. Jeder erkennt, dass das auch Blödsinn ist. Und trotzdem wird bei der Atomkraft genau so argumentiert.

2 Antworten zu “Kernkraft – ist sie das Risiko wert?”

  1. kokedera sagte

    Das Leben besteht aus Risiken – beim Autofahren, beim Fliegen, beim Sex.
    Bei der Bewertung eines Risikos beantwortet jeder für sich die Frage: Ist es wert, was ich bekomme, um das Risiko einzugehen?” Darauf findet jeder eine andere Antwort – die für ihn passende.
    Ich finde, dass das Risiko, dass Regionen auf Jahrzehnte unbewohnbar werden, dass es auf Jahrzehnte Tote geben wird, dass Hunderttausende ihr Obdach, ihre Existenzgrundlage, ihren Lebensmittelpunkt verlieren, dass Milliardenwerte an Infrastruktur verloren gehen oder nicht mehr genutzt werden können, nicht durch den Nutzen der Energiegewinnung durch Kernkraft aufgewogen werden. MEINE Einschätzung. Im Gegensatz zum Flugzeugabsturz oder dem Autounfall sind die Auswirkungen eines Atomunfalls eben weder zeitlich noch regional begrenzt.
    Energie kann auf andere Art gewonnen werden – was heißt gewonnen? Sie ist ja da! Man muss sie nur sinnvoll “ernten” und nutzen. Eben mit erneuerbaren Energien. Es ist doch sowieso ein Irrsinn, Energie zu “erzeugen”, indem man kostbare Rohstoffe verbrennt. Und dieser Irrsinn, wird imho noch potenziert, wenn man dafür ein Verfahren einsetzt, bei dem man die genannten Folgen eines Unfalls in Kauf nimmt.
    Und da solche Unfälle nun schon – nach meiner Kenntnis – mindestens drei Mal eingetreten sind, halte ich das Risiko eines GAU für wesentlich konkreter als den Ziegelstein. Es ist das Überholen vor der Kuppe bei Nebel.
    Bei den Kosten werden wir vera…lbert. Atomkraft ist nicht billig. Die Kosten dafür werden nur versteckt, subventioniert durch Steuern oder gar nicht erst kalkuliert. Im Gegensatz zu den erneuerbaren Energien. Deswegen glaube ich auch nicht, dass der Umstieg zu einer Energieverteuerung führen MUSS. Dass er es tun wird, liegt sicher daran, dass keiner der Beteiligten sich die Chance entgehen lassen wird, überall die Hand aufzuhalten. Bei gleicher Subvention durch Steuern, wie sie die Atomkraft erfährt, sind erneuerbare Energien nicht teurer. Nur: bei diesen subventioniert sich der Verbraucher/Erzeuger qua EEG selber. Welch ein Irrsinn!!!

  2. Jürgen sagte

    Naja, wie alles im Leben ist die reale Entscheidungssituation vielleicht ein bisschen komplizierter.

    Nimm das Autofahren als solches … ohne Überholen am Berg und Alkoholfahrten.
    Das ist auch ein erhebliches Risiko, und hat volkswirtschaftlich ganz sicher mehr Tote
    und Verletzte in der Bilanz stehen, nur um die Individuelle Mobilität zu ermöglichen, also
    kein so abstraktes Risiko wie der Ziegelstein oder der Meteor.

    Trotzdem nehmen wir das Risiko in Kauf. Also nicht die Tatsache, dass ein erhebliches Risiko
    bleibt, ist alleine ein schlüssiges Negativargument. Tatsächlich nehmen wir noch weit höhere Risiken
    in Kauf, Autofahren mag noch dem Broterwerb dienen, aber was ist mit Fernreisen mit Flugzeugen,
    Skifahren, Motorrad. Was mit Genussmitteln wie Nikotin, Alkohol ?

    Was mich zweifeln lässt an der Atomkraft ist nicht das Risiko als solches und die Überzeugung,
    dass es nicht beherrschbar ist, oder dass Kosten/Nutzen prinzipiell nicht aufgehen kann. Sondern
    dass hier offenbar Kosten und Risiken nicht fair bewertet wurden und werden, und in Folge die
    technische Entwicklung auch nicht so weiterentwicklet wurde, wie ich erwartet hätte.

    Im Detail: die Kosten von Entwicklung und Entsorgung UND Restrisiko werden der Allgemeinheit aufgehalst,
    keine Versicherung trägt Atomrisiken, und keine solide Kostenrechnung deckt die Gesamtkostensituation. Statt
    dessen wird immer auf die ach so geringen direkten Betriebskosten verwiesen (incl der Brennelementesteuer, die
    einen kleinen Obulus zur Entsorgung darstellt). Ok .. (Gross-)Banken wirtschaften ähnlich, alles nur Argumente,
    die Krisen nicht als Folge des Kapitalismus zu sehen, sondern als folge FEHLENDER Marktwirtschaft.

    Und die Technik: ich würde sagen, dass ALLE grösseren Störfälle nicht unfassbares Restrisiko waren, sondern
    grobe Fahrlässigkeit bei Bedienung und Konstruktion. Dass Kühlung in jeder Lage redundant sein muss und
    zu den Grundvoraussetzungen des Betriebs gehört, das wusste ich schon aus dem Schul-Physik Unterricht, dazu
    muss man kein Experte sein. In Japan, dazu muss man auch kein Experte sein, war das Erdbeben kein Problem,
    der Tsunami hat auch nicht alle Gebäude weggerissen, und auch nicht die Kühlung sofort unterbrochen, sondern
    er hat die Notstromversorgung lahmgelegt. Ein Aggregat zu bauenm dass auch nass anspringt, sollte auch
    technisch möglich sein. Hier sind aber 6 Aggregate in 6 Kraftwerken ausgefallen ! Also war es kein zufälliges
    Versagen, sondern ein Konstruktionsfehler, so hätte ein AKW nie betrieben werden dürfen !!! BASTA !!

    Beim Auto ist die Entwicklung eine andere: klar hat jeder Staat seine Schlüsselindustrien
    subventioniert, aber die Hersteller sind allein verantwortlich, kein Auto rollt auf die Strasse,
    kein Flugzeug hebt ab, bevor sich nicht ein marktwirtschaftlicher Versicherer gefunden hat, der
    die Risken bewertet hat und absichert (keine staatliche, politische Entscheidung). Und wenn der Verkehr zu
    VW Käfer Zeiten ohne Knautschzone, Sicherheitsgurt, ABS, Airbag in D noch 15.000 Verkehrstote in Deutschland West,
    gekostet hat, so sind wir jetzt bei 3000 angekommen, bei mehr Autos/Verkehr und 16 Mio Einwohner mehr.
    Weil man eben auf allen Ebenen: Technik, Verkehrslenkung, Strassen dauernd nachgerüstet und investiert hat.

    Meine Vermutung/Befürchtung: es gibt noch jede Menge solcher Kraftwerke in Küstennähe. Und die komplett umzurüsten
    wird technisch kein unlösbares Problem sein -siehe Automobil- aber nicht wirklich wirtschaftlich sein. Möglich wäre es schon.
    Möglich wäre es auch, neuere Kraftwerke in Nicht-Erdbeben/Küstennähe noch weiter zu betreiben mit hinnehmbarem Restrisiko.
    Wahrscheinlich wird aber folgendes passieren: Deutschland wird ohne Not alles abschalten. Die Riskanten AKWs in anderen Ländern
    ob China, Kalifornien oder Frankreich .. die werden wohl noch 10-20 Jahre weiter betrieben.

    Und ab ca. 2050 wird Atomkraft (und fossile Brennstoffe) nur noch im Technikmuseum zu sehen sein.
    Die Alternativen sind ja da, nur ist es Illusion, dass alles so billig bleibt und/oder so schnell, wie
    sich das manche wünschen, die sich jetzt neu in politischem Ämtern einfinden … und dann werden die
    Wähler wohl wieder nachdenklich werden, wenn die neue Grüne Regierung den Strom noch teurer macht, die
    Landschaft mit neuen Stromtrassen durchzieht, und die Bauherren zu Blockheizkraftwerken, Sonnendächern
    und Tageszeitabhängigen Stromzählern zwingt.

    Dann wird auch ein grüner Bundeskanzler von der Realität eingeholt und dem Wähler erklären,
    warum es mit Kohle und Rest-AKWs doch ein bisschen länger geht. Ich denke
    2030 wäre möglich für die komplette Umstellung auf Erneuerbare, 2020 wir man im Wahlkampf erzählen,
    dann 2040 planen, und bis das letzte Kohle oder Gas-Kraftwerk vom Netz geht, ist es dann 2050.

    Und die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Zeit noch einen GAU geben wird, wird sich in
    Grössenordnungen des besagten Ziegelsteins bewegen.

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